Dr. Klaus Paul © Rolls-Royce

"In Berlin und in Potsdam gibt es sehr viel Kompetenz, die wir in unser Ökosystem einbinden können."

Das berühmte Motto „Take the best that exists and make it better. When it does not exist, design it“ des Gründers Sir Henry Royce zieht sich im 21. Jahrhundert auch durch viele Bereiche der R² Data Labs, den globalen Forschungszentren des Weltkonzerns, wie ein roter Faden. Im Brandenburgischen Dahlewitz bei Berlin produziert Rolls-Royce bereits seit 25 Jahren Triebwerke im großen Stil mit 2800 Beschäftigten und erweitert den Standort nun um ein neues Zentrum für Künstliche Intelligenz. Der neue Hub soll als Schnittstelle zwischen KI, Data Engineering und der spezifischen Branchenkompetenz von Rolls-Royce fungieren und zum Baustein des innovativen Technologie-Ökosystems Berlin-Brandenburgs werden. #KI_Berlin hat mit Dr. Klaus Paul von den R² Data Labs über KI, die Digitalisierung und die Zukunft der Luftfahrttechnik gesprochen.

Neben der Mobilität ist die Luftfahrttechnik traditionell eng mit der Marke Rolls-Royce verbunden. Können Sie uns über die KI-Innovationen einen Einblick geben, die Sie in den R² Data Labs anstoßen wollen?

Richtig, mit Autos fing es mal an. Die Flugzeugmotoren kamen wenig später dazu. Heute haben wir schon lange nichts mehr mit straßengebundener Mobilität zu tun. Geblieben ist der Anspruch der ersten Tage, der sich von damals bis zum aktuellen Thema Digitalisierung und KI durchzieht: „Pioneering the power that matters.“ Dort, wo es darauf ankommt, bieten wir bewährte und eben auch neue Antriebslösungen.

Die Digitalstrategie der R² Data Labs hat drei Säulen: Wir wollen unsere digitalen Zwillinge perfektionieren, kontinuierliche Daten-basierte Innovationen schaffen und uns zu einer Firma entwickeln, bei der die Digitalisierung ganz vorne steht. Mit datenbasierten Services für Flugzeugantriebe haben wir bereits vor zwei Jahrzehnten begonnen; jetzt konzentrieren wir uns mit den R² Data Labs darauf, den Betrieb bei unseren Kunden in drei Feldern stetig weiter zu verbessern. Erstens durch mehr Effizienz: Anwendungen, die ihnen helfen, ihre Infrastruktur und ihren Betrieb effizienter und kostengünstiger zu managen. Zweitens Verfügbarkeit: Anwendungen, mit denen Wartung und Management der Flotte optimiert werden, um Unterbrechungen zu minimieren und die nutzbare Zeit zu maximieren. Und drittens Risiko und Compliance – Anwendungen, die Risiko-Management und automatisierte Compliance-Prozesse unterstützen.

Nehmen wir die neue Triebwerkgeneration „Pearl“, die von Rolls-Royce in Brandenburg entwickelt und gefertigt wird. Was ist das Besondere daran, vor allem in Hinblick auf die Echtzeit-Analyse von Daten und Machine Learning?

Alle Rolls-Royce-Triebwerke können bereits insofern als intelligent betrachtet werden, als dass Daten sowohl bei ihrer Konstruktion, ihrer Montage als auch ihrer Wartung eine Rolle spielen. Unsere neue Pearl-Triebwerksfamilie setzt davon bislang am meisten um – sie ist das aktuellste Beispiel für die Realisierung einer ‚IntelligentEngine‘.

Neben einem neuen Engine Health Monitoring System zur Funktionsüberwachung integriert das Triebwerk erstmals eine Ferndiagnosefunktion mit bi-direktionaler Kommunikation. Dadurch wird eine Konfiguration der Überwachungsfunktionen des Triebwerks vom Boden aus möglich: Durch die bi-direktionale Kommunikation kann das Monitoring System vom Boden aus an die Betriebssituation angepasst werden. Es schickt im Gegenzug alle relevanten Daten zurück an unsere Zentrale. Insgesamt erfasst die elektronische Triebwerkssteuerung bis zu mehreren Tausend Parametern parallel, etwa ein Drittel davon wird permanent ausgelesen und temporär im Flugzeug gespeichert.

Es gibt bereits einige Prototypen der „SWARM Robots“, kleine Nano-Roboter, die Fehler und Schäden an Triebwerken noch weiter minimieren könnten. Stehen wir vor einer Revolution der Triebwerkswartung? 

Ich würde bei der Triebwerkswartung eher von einer stetigen Evolution sprechen, mit dem Ziel, größtmögliche Sicherheit mit ebensolcher Effizienz, Verfügbarkeit und fallenden Kosten zu kombinieren. Sehr viel davon realisieren wir bereits heute mit unseren Angeboten zur vorausschauenden Wartung durch CorporateCare® und TotalCare® Verträge. Verkürzt gesagt: Wir bekommen die Betriebsdaten der Flotte und nutzen Big Data, Machine Learning und KI, um das Verhalten eines Triebwerks mit dem aller anderen dieses Typs zu vergleichen und zu prognostizieren. Die dadurch möglichen Schlussfolgerungen für den Service haben immer mehr an Aussagekraft gewonnen – unter anderem auch durch immer größere Datenvolumina pro Flug – von ehemals Kilobytes geht der Trend jetzt in den Bereich von Terabytes.

Die erwähnten SWARM-Roboter sind zurzeit noch zu groß, um sie aus dem Labor in die Realität zu entlassen – in ein paar Jahren sind wir gewiss viel weiter.

Rolls-Royce operiert weltweit und hat seinen Standort in Dahlewitz um ein Zentrum für künstliche Intelligenz erweitert. Wieso ist gerade Berlin-Brandenburg der passende Standort dafür und zum Beispiel nicht die Londoner Zentrale? 

Unsere R² Data Labs bestehen aus einer sehr kleinen Zentrale in London und Satelliten mit Expertenteams an strategisch ausgewählten Orten – in den UK, Asien, den USA und jetzt eben auch hier in Deutschland. Die Satelliten sind eng in unsere operativen Geschäftseinheiten eingebunden. Sie stärken ihre interne Kompetenz und Kapazität systematisch durch externe Fachleute. Der Sitz von Rolls-Royce Deutschland ist Dahlewitz in Brandenburg. In Berlin, also quasi im geographischen Zentrum von Brandenburg, und in Potsdam, der Landeshauptstadt, gibt es sehr viel Kompetenz, die wir in unser Ökosystem einbinden können. Statt einer großen zentralen Truppe, weit weg vom Einsatzgebiet, arbeiten wir also mit mehr kleinen, agilen Einheiten da, wo die Expertise gebraucht wird.

Es gibt bereits viele interessante KI-Forschungsprojekte an Universitäten, Startups und anderen Unternehmen. Welche Erwartungen an den Standort Berlin haben Sie und sind bereits Kooperationen ins Auge gefasst worden?

Wir haben bereits eine Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und arbeiten seit Jahren eng und erfolgreich mit der TU Cottbus-Senftenberg zusammen. Unsere Nähe zu Berlin wird sicher dazu beitragen, das Spektrum zu erweitern. Wir sprechen darüber bereits mit einigen Unternehmen und Organisationen – nur eben noch nicht öffentlich. Und wir besuchen eine Vielzahl von Veranstaltungen, die es ja gerade in Berlin recht zahlreich gibt, um neue Kontakte zu knüpfen und zu lernen.

Werfen Sie einen Blick in die Zukunft: Welchen Einfluss wird KI in der Mobilität und Luftfahrt in zehn, 20 oder 30 Jahren haben?

Ganz sicher wird der Einfluss immer größer werden! Die Vision der ‚IntelligentEngine‘ beispielsweise haben wir ja erst 2018 artikuliert – sowohl auf der Basis unserer erarbeiteten Erfahrungen als auch von Trendanalysen der Kundenbedürfnisse und technisch-methodischen Möglichkeiten, die sich abzeichnen. Klar ist: Unsere Kunden wollen Serviceunterbrechungen vermeiden und ihre Kosten senken. Sie wollen immer umweltfreundlichere Mobilitätsangebote machen. Dazu können und wollen wir beitragen, gerade auch durch KI. Als etablierter Hersteller sind wir in der privilegierten Lage, auf einen großen historischen und stetig weiter wachsenden Datenschatz aus der Entwicklung, dem Bau und Betrieb von Triebwerken zugreifen zu können. KI hilft uns, aus diesen Daten zu lernen und relevante Muster für die Anwender, also zum Beispiel Airlines, zu erkennen. Ich vermute, mit diesem Vorgehen sind wir in unserer Industrie nicht ganz alleine. Es bleibt also spannend!

Vielen Dank für das Gespräch.

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