Philipp Müller, CEO Signatrix © Kathleen Pracht

12 Dezember 2022

„Die Leistungsfähigkeit von KI ist heute schon sehr stark und verbessert sich in einem hohen Tempo.“

In Einkaufsgeschäften kann man schon mal schnell den Überblick verlieren – und das nicht nur im Vorweihnachtstrubel. Gerade für die Unternehmen hinter den Geschäften ist es von hoher Wichtigkeit, über Kameras nicht nur potentielle Ladendiebstähle zu sehen, sondern unter anderem auch zu erkennen, wenn Waren ausverkauft sind und nachgelegt werden müssen. Durch die Unterstützung von Künstlicher Intelligenz können Kameras hier noch mehr leisten – das dachte sich das Berliner Unternehmen Signatrix und entwickelt seit 2017 eine KI-Kameralösung für den Einzelhandel. Wir sprechen mit CEO und Gründer Philipp Müller über den Ursprung der Idee, die Vorteile von Künstlicher Intelligenz und wie man beim Einkaufen in der Vorweihnachtszeit einen kühlen Kopf bewahrt.

Hallo Herr Müller, danke, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen! Da Sie ja eine Lösung für den Einzelhandel vertreiben: Wie sieht Ihre persönliche Strategie für den Einkaufstrubel in der Vorweihnachtszeit aus?

Am Entspanntesten fährt man wahrscheinlich, wenn man sich schon im Herbst um das Meiste gekümmert hat, aber das schafft man ja dann doch nie. Wenn man weiß, welche Geschäfte gut organisiert und kundenfreundlich sind, macht es das Einkaufen in der Vorweihnachtszeit aber schon wesentlich bequemer, finde ich. Und so ein bisschen Einkaufstrubel kann ja auch Spaß machen.

Signatrix entwickelt eine Künstliche Intelligenz für den Einzelhandel. Wie genau sieht diese Lösung aus und wie kam Ihnen die Idee zu diesem Produkt?

Als wir Signatrix 2017 gegründet haben, ist uns aufgefallen, dass vorhandene Sensorik wie Kamerainfrastruktur in Supermärkten und anderen Einzelhandelsgeschäften große Mengen an relevanten Daten produziert, die weitestgehend ungenutzt bleiben. Diese Daten enthalten aber Informationen, die für die Unternehmen enorm nützlich sein können, da sie ein umfassendes Bild davon vermitteln, was in einem Laden passiert. Unsere KI-Software ist in der Lage, die Kameradaten auszuwerten und den Handelsunternehmen solche Informationen zur Verfügung zu stellen. Dies sind bspw. statistische Auswertungen von aggregierten Daten – etwa um zu erfahren, für was sich Kund*innen während ihres Einkaufs interessieren – oder aber Echtzeit-Benachrichtigungen, wenn Waren ausverkauft sind oder unerlaubtes Verhalten, z. B. Ladendiebstahl, erkannt wird. 
Weil in jedem Store andere Voraussetzungen gelten, stellen wir mit der Signatrix AI Suite eine Plattform zur Verfügung, über die für jeden Laden eine individuelle Auswahl an Computer-Vision-Apps zusammengestellt werden kann. Das können ganz unterschiedliche Lösungen sein, von Verlustprävention bis Kundenanalyse – alles was den Store sicherer, effizienter oder kundenorientierter macht. Nach der einmaligen Installation der Hardware kann man dann über ein intuitiv bedienbares Dashboard per Knopfdruck weitere Apps austesten und in kürzester Zeit implementieren. So kann man sich die aufwändigen Evaluations- und Implementationsprozesse sparen, die sonst bei der Einführung jeder neuen KI-Lösung anfallen würden, und den Store im eigenen Tempo ganz unkompliziert immer smarter machen.

Welchen Vorteil haben Kameras mit Ihrer Künstlichen Intelligenz gegenüber herkömmlichen Überwachungskameras?

Eine herkömmliche Kamera bemerkt ja keinen Unterschied, was sie da grade aufnimmt. Ob es sich beispielsweise um einen Diebstahl handelt, oder einfach eine*n Kund*in beim Einkaufen, das muss immer ein Mensch feststellen, der sich den Videostream ansieht. So etwas machen heutzutage gerne Ladendetektive, die sich jedoch auch schwertun, tagelang dutzende Kamerastreams in Echtzeit effektiv zu überprüfen. Zusätzlich kann Kameratechnik für viele weitere Anwendungen sinnvoll sein, die mit Ladendiebstahl gar nichts zu tun haben. Die Anwendung in diesen Kontexten steht im Handel noch am Anfang und bedarf zusätzlicher KI-Technologie.

Sie achten beim Einsatz Ihrer Lösung in Kameras besonders auf den Datenschutz. War dieser von Beginn an Teil Ihres Konzeptes oder sind Sie hier auf die Bedürfnisse Ihrer Kund*innen eingegangen? War die Anpassung an die DSGVO 2018 ein großer Aufwand?

Von Anfang an war klar, dass kameragestützte Lösungen nicht funktionieren oder skalieren können, ohne datenschutzrechtliche Aspekte im Software- und Lösungsdesign mitzudenken. Insbesondere war uns wichtig, die bestehende Infrastruktur an Sensorik von Anfang an zu nutzen, da hier bereits entsprechende Prüfungen erfolgt sind. Händler haben durch die DSGVO aufgrund ihres Geschäftsmodells und der damit einhergehenden Margenstruktur ein besonders großes Risiko durch die Strukturierung möglicher Strafen nach der DSGVO. Daher haben wir insbesondere mit unseren größeren Kund*innen aufwendige und ganzheitliche Prüfverfahren durchlaufen. Unabhängig davon haben wir aber schon bei unserer eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema im Rahmen der Produktentwicklung Expert*innen renommierter Kanzleien hinzugezogen, um entsprechende Vorgaben von Anfang an optimal umzusetzen. Entsprechend hat die DSGVO für uns keine große Umstellung bedeutet.

In Zeiten von Corona werden viele Maßnahmen umgesetzt, um den zwischenmenschlichen Kontakt so gering wie möglich zu halten. Können Kameras mit Ihrer KI-Software Sicherheitspersonal vor Ort ersetzen? Oder werden sie eher als eine Ergänzung zu bestehendem Personal eingesetzt?

Ganz ersetzen kann die Software Mitarbeiter*innen unseres Erachtens selten. Sie erkennt Vorfälle automatisch und benachrichtigt das Personal in Echtzeit – eingreifen und tätig werden muss aber meistens noch der Mensch. Künstliche Intelligenz erleichtert deren Arbeit jedoch enorm: Ein Großteil der Überwachungstätigkeit fällt weg und man muss nur auf die automatischen Signale der App reagieren, die an ein Endgerät der Wahl gesendet werden. Der Einsatz der Software führt damit sowohl zu deutlich besseren Resultaten bei der Diebstahlprävention und zu einer Entlastung des Sicherheitspersonals als auch beim Nachfüllen von Regalen, der Platzierung von Produkten oder der optimalen Beratung von Kund*innen.


Unabhängig von dieser Thematik geht der Trend aber in der Tat in die Richtung, dass Kund*innen mehr und mehr erwarten, insbesondere den Bezahlvorgang ohne Hilfe durch Mitarbeiter*innen durchführen zu können. Self-Checkout Terminals etwa sind in immer mehr Läden installiert. Hierbei ist wiederum Computer-Vision-Software sehr hilfreich, die erkennt, ob der Vorgang ordnungsgemäß durchgeführt wird. So werden Verluste verhindert und ein besseres Kund*innenerlebnis gewährleistet.


Übrigens scheint es grundsätzlich nicht so zu sein, dass durch den Einsatz von KI im Einzelhandel Jobs wegfallen. Man hat in der Regel soviel zu tun, dass jegliche Entlastung gerne angenommen wird. In Zukunft werden die Mitarbeiter*innen vielleicht vermehrt zur Kund*innenberatung eingesetzt werden. Das macht dann nicht nur das Einkaufserlebnis für die Kund*innen schöner, sondern auch die Arbeit der Mitarbeiter*innen interessanter und abwechslungsreicher.

Sie gehen davon aus, dass die Fehlerrate von Maschinen inzwischen geringer ist, als die von Menschen. Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft? In welche Richtung wird sich dieser Trend entwickeln?

Die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit von KI ist heute schon sehr stark und verbessert sich in einem hohen Tempo. Bei vielen Aufgaben sind Maschinen heute schon en par mit ihren menschlichen Pendants und bei allen, bei denen das heute noch nicht so ist, darf davon ausgegangen werden, dass es in naher Zukunft soweit sein wird.

Ich denke, wir werden dadurch in sehr vielen Bereichen mehr und mehr automatisieren können, was heute noch umständliche oder lästige Aufgaben sind. Im stationären Einzelhandel muss sich der Einsatz von KI an vielen Stellen noch etablieren, aber es wird immer deutlicher, dass die Branche verstanden hat, dass sie sich verändern muss und verbessern kann – nicht zuletzt durch die Konkurrenz durch den Onlinehandel. Heute kauft letztlich immer noch fast jeder im stationären Einzelhandel ein und deren Filialen sind wichtig für die Attraktivität der Gemeinden. Aber die Margen sind besonders im Lebensmitteleinzelhandel relativ niedrig. Mit Hilfe von KI kann man operative Resultate optimieren, Prozesse besser gestalten, das Einkaufserlebnis attraktiver für Kund*innen machen und unterm Strich lukrativer sein. Der Supermarkt von morgen wird also fast keine Verluste durch Diebstahl haben, die alltäglichen Aufgaben werden hervorragend organisiert, die Mitarbeiter*innen entlastet sein und das Einkaufserlebnis wird durch kontinuierliche automatisierte Kund*innenanalyse und persönliche Kund*innenberatung aufgewertet.

Sie haben mit Signatrix gerade den zweiten Platz beim AI Beyond Borders Award 2022 gewonnen, herzlichen Glückwünsch dazu! Was bedeutet der Gewinn für Signatrix? Welche Pläne haben Sie mit dem Preisgeld?

Der Preis bestätigt nochmal, dass sowohl KI-Branche als auch Politik dem Thema Retail Tech viel Bedeutsamkeit beimessen und der Ansatz von Signatrix Anklang findet. Events wie dieses sind wichtig, um Aufmerksamkeit für innovative Technologien zu generieren und deutschen Unternehmen zu signalisieren, dass sie an einem Standort arbeiten, an dem ihre Arbeit wertgeschätzt und unterstützt wird. Das ist natürlich sehr motivierend, es ist eine tolle Anerkennung unserer Arbeit.

Das Preisgeld wird keinem spezifischen Projekt zugeteilt, es fließt hauptsächlich in die Entwicklung neuer Apps für unsere AI Suite.

Teil Ihres Gewinns war auch eine Mitgliedschaft im KI Park. Wie wichtig sind solche Ökosysteme für KI-Unternehmen und Startups?

Sie sind enorm hilfreich. Ein KI-Ökosystem wie der KI Park ermöglicht den Austausch mit anderen Unternehmern im Bereich KI, aber auch mit Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, Investor*innen u. s. w. Die Plattform, die der KI Park bietet, ist sehr nützlich, um Kontakte zu knüpfen oder auch für das eigene Unternehmen zu werben. Außerdem bekommt man bei den Veranstaltungen guten Input, was nicht zu vernachlässigen ist. Ein spannender Talk kann einen auf gute Ideen bringen. 
Hinzu kommt noch etwas „Atmosphärisches“. Dass es solche Institutionen gibt in Berlin, die viele Mitglieder haben, Events organisieren, Coworking Spaces zur Verfügung stellen etc. – das gibt einem einfach das Gefühl, mit seinem Projekt am richtigen Ort zu sein.

Sie haben Signatrix 2017 in Berlin gegründet. Welche Vorteile birgt der Standort für Sie als KI-Startup? Wie empfinden Sie das Klima bezüglich Innovationen im Bereich Künstliche Intelligenz?

Zum einen ist es toll, in einer Stadt den Sitz zu haben, die so offen und attraktiv für viele Menschen aus der ganzen Welt ist, weil dies enorm erleichtert, ein hochkarätiges und internationales Team zusammenzustellen. Das hängt natürlich auch mit den Berliner Unis zusammen. Es gibt schon viele Menschen in Berlin, grade im IT-Bereich, die sehr talentiert sind und Lust haben, in einem jungen Unternehmen mitzuarbeiten. Und wer noch nicht in Berlin wohnt, kommt gerne hierher.

Zweitens bietet die Stadt ein sehr gutes institutionelles Netzwerk im Bereich Startups und KI. Berlin hat viele tolle Software- und Online-Unternehmen hervorgebracht und außerdem eben solche Institutionen wie den KI Park. So bietet die Stadt ein spannendes Umfeld. Viele Menschen hier sind fasziniert davon, die Entwicklung von innovativen Technologien zu verfolgen oder daran mitzuarbeiten. Zusätzlich helfen viele Förderprogramme auf Landesebene die Weiterentwicklung von Technologieunternehmen in Berlin voranzutreiben.

Wie erleben Sie Berlin allgemein als KI-Hotspot? Wie wird sich die Stadt noch hinsichtlich seiner Bandbreite als Standort für Künstliche Intelligenz entwickeln?

Die Entwicklung von KI-Technologie funktioniert meist besonders gut im engen Verbund mit den Unternehmen, die diese Technologie am Ende nutzen, da diese oftmals über die Daten verfügen und diese erzeugen, die für Forschung, Entwicklung und Bereitstellung erfolgreicher KI-Lösungen relevant sind. Daher erachte ich es für wichtig, weiter entsprechende Anreize zu setzen, sodass Berlin als Standort für nationale und internationale Unternehmen jeglicher Couleur noch attraktiver wird, sodass entsprechende Partner direkt ins Ökosystem eingebunden werden können.

Zusätzlich muss dafür Sorge getragen werden, die Rekrutierung internationaler Top-Talente noch einfacher und friktionsloser zu gestalten – und in diesem Zusammenhang sollten z. B. Themen wie effektive Mitarbeiter*innenbeteiligungen endlich gelöst werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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