Sofie Quidenus © omni:us

28 Oktober 2022

„In KI sehe ich wirklich eine nachhaltig positive Entwicklung für Berlin als europäisch relevanten Technologiestandort."

Das Thema Versicherungen ist für viele ein ungemütliches, wenn doch aber auch sehr notwendiges. Gerne wird die Beschäftigung damit aufgeschoben. Wenn es um Schadensabwicklung geht, kann KI die Abläufe beschleunigen: Das Berliner Unternehmen omni:us und das Team rund um CEO Sofie Quidenus-Wahlforss verwendet KI-Module, um den Schadensprozess in der Versicherungsindustrie zu optimieren und automatisieren. Wir haben mit Sofie über ihre KI und Schadensautomatisierung gesprochen.

 

Liebe Sofie, vielen Dank vorab für das Interview und deine Zeit. Du bist in der Nähe von Salzburg aufgewachsen, Berlin ist deine Wahlheimat. Was kann man in Berlin denn im Herbst Tolles machen, was es in Salzburg vielleicht nicht gibt?

Allzu hohe Berge wie rund um Salzburg kann ich hier leider nicht empfehlen, aber einen Flugdrachen an einem windigen Herbstsonntag am Drachenberg steigen lassen, lässt nicht nur Kinderherzen höherschlagen. Sollte es doch einmal regnen – was ja hier dann durchaus vorkommt – gibt es herrlich viele spannende Türen zu entdecken, die dann weit mehr als nur ein trockenes Dach über dem Kopf bieten, z. B. der Hamburger Bahnhof oder die Sammlung Feuerle.

Mit omni:us nutzt ihr KI für integrierte End-2-End-Schadensautomatisierung. Wie funktioniert eure KI genau? Wie sieht eure Lösung konkret aus?

Unsere KI arbeitet wie ein Schadensbearbeiter, nur vollkommen digital und rund um die Uhr. Der omni:us Digital Claims Adjuster (DCA) ermöglicht dabei als AIaaS (Artificial Intelligence-as-a-Service)-Lösung eine nahtlos integrierte End-2-End-Schadensautomatisierung innerhalb bestehender Versicherungssysteme, wie etwa Guidewire, Sapiens oder Legacy Applikationen. Geringe bis mittelkomplexe Schäden kann der DCA bereits in allen gängigen Sparten im Bereich Sach- und Unfallversicherung von der Schadensmeldung bis zur Freigabe der Zahlung vollständig ohne menschliches Eingreifen bearbeiten. Bei komplexeren Schadensfällen übernimmt der DCA die Vorverarbeitung. Sachbearbeiter*innen werden hier zum einen durch die Automatisierung der ehemals aufwändigen manuellen Bearbeitungsschritte deutlich entlastet. Zum anderen erhalten sie eine KI-basierte Entscheidungsempfehlung und können sich somit vorwiegend auf die Schadensbewertung und einen qualitativ hochwertigen Kund*innenkontakt konzentrieren. Somit können Prozesskosten um bis zu 35 Prozent gesenkt werden, während auf Kund*innenseite das Erlebnis in der Schadensabwicklung durch Transparenz, Geschwindigkeit sowie vereinfachte, interaktive Prozesse deutlich optimiert wird. Wer mehr an dieser Stelle über unser Produkt im produktiven Einsatz erfahren möchte, kann sehr gerne hier vorbeischauen: http://omnius.com/uniqa.

Siehst du die Anwendbarkeit von omni:us auch in anderen Wirtschaftsbereichen, z. B. in der Digitalisierung von Verwaltungsabläufen? Gibt es Pläne für die Ausweitung auf andere Branchen?

Die Schadensbearbeitung ist nicht nur einer der zeitaufwändigsten Prozesse in der Versicherungsbranche, sie ist auch hochkomplex und ihre Automatisierung verlangt einem wirklich viel ab. Nicht ohne Grund hat niemand diesen letzten „heiligen Gral der Digitalisierung“ vor uns geknackt. Allerdings bedarf es mehr als nur intelligenter Algorithmen. Die Herausforderung liegt in einem tiefen Verständnis der Domäne Schaden und hoher Technologieexpertise gleichermaßen – und vor allem deren Verbindung. Somit war und ist unser voller Fokus auf Schadensautomatisierung eines unserer wichtigsten Erfolgsrezepte. Wir sind ein sogenannter „hypervertikaler“ Anbieter (von intelligenten Schadensautomatisierungslösungen im Versicherungsbereich) und werden das auch bleiben – obwohl mit Sicherheit Teile unserer Lösung auch in anderen Branchen einen relevanten Mehrwert liefern könnten.

Du sagst, du bist sehr mutig und risikofreudig. Wer viel riskiert, sollte natürlich auch gut versichert sein ;) Stammt daher auch deine Idee, mit omni:us Abläufe in der Versicherungsbranche zu optimieren?

Ohne Versicherung würde auf dieser Welt gar nichts laufen: keine Taxis, keine Schule, kein Theater, kein Restaurant. Versicherung ist omnipräsent und doch interessiert sich keiner wirklich dafür. Das allein fand ich schon immer faszinierend – und umso mehr, dass wir mit omni:us spürbar dazu beitragen können, diese wichtige Absicherung leistbarer, empathischer, transparenter und kund*innenorientierter zu gestalten. Darüber hinaus war natürlich das Risiko, aber auch das damit verbundene Potenzial sehr verlockend, die noch letzte große ausstehende Digitalisierung, nämlich der Versicherungsbranche, mit der Transformation eines Kernprozesses voranzutreiben.

Wie erlebst du die Berliner Gründer*innen-Szene? Was hat Berlin deiner Meinung nach anderen Metropolen voraus?

Jung, dynamisch, inspirierend, vielseitig, weltoffen, lässig und (noch) leistbar. Allein unser Team macht mir jeden Tag die allergrößte Freude und bestätigt mich in der Wahl Berlins als unser Zuhause: 19 Nationalitäten unter einem Dach mit einer unglaublichen Energie und Freude, die, so wie diese Stadt, jeden Tag gemeinsam daran arbeiten über sich und ihre Grenzen hinauszuwachsen, bis dato Unvorstellbares zu leisten und vor allem dabei eine Menge Spaß zu haben.

Wendet ihr KI auch für die interne Prozessoptimierung bei omni:us an? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Neben unserer internen omni:us-KI-Plattform, mit der wir KI-Modelle für komplexe Schadensregulierungsentscheidungen und das Verständnis von Schadenskommunikation und Versicherungspolicen trainieren, verlassen wir uns, vor allem in administrativen Bereichen, auf Spezialistentools anderer Anbieter ­– teils auch befreundeter Berliner Startups – die auch KI nutzen. So zum Beispiel Circula für unsere Spesenabrechnungen.

Zeiteinsparung durch Teilautomatisierung kann natürlich auch bedeuten, dass Arbeitsplätze teilweise nicht mehr benötigt werden. Wie siehst du diese Entwicklung und ggf. kritische Stimmen in diese Richtung?

Der Arbeitsmarkt ist in großer Veränderung. Und nicht zuletzt spielt Automatisierung dabei eine maßgebende Rolle und sorgt für mehr Effizienz im Berufsumfeld. Während der Bedarf an Mitarbeiter*innen, die derzeit hauptsächlich einfache, repetitive Tätigkeiten ausüben, in vielen Branchen drastisch sinken wird, entstehen durch die Digitalisierung neue Arbeitsplätze und Berufsbilder. Somit ist zu hoffen, dass dadurch eine möglichst umfassende Kompensation der verlorenen Stellen am Arbeitsplatz stattfindet. Chancen hierbei sehe ich vor allem in der Rückführung vormals outgesourcter Geschäftsprozesse, sowie der Förderung von kreativen Tätigkeiten und dem Ausbau aller Leistungen im direkten Kund*innenkontakt. Neue Stellen werden sich vor allem durch komplexere Aufgaben und Anforderungen an die Mitarbeiter*innen auszeichnen, wobei hier ein Fokus auf Ausbildung wohl einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche digitale Transformation auf gesellschaftlicher, sowie unternehmerischer Seite darstellt. Während sich also zusammenfassend der Niedriglohnbereich sicherlich einem harten Wettbewerb mit Automatisierungslösungen stellen muss, schaffen Letztere neue Aufgaben in anspruchsvolleren, aber auch gänzlich neuen Themengebieten.

Ganz konkret in unserem Falle unterstützt der omni:us Digital Claims Adjuster oft voll ausgelastete Schadensbearbeitungsteams und sorgt dafür, dass diese sich auf komplexe Fälle konzentrieren und den Kund*innenkontakt qualitativ ausbauen können. Dies sorgt für Geschwindigkeit, Effizienz, Eliminierung repetitiver Tätigkeiten und konsistente Ergebnisse bei voller Transparenz – und somit erheblich gesteigerter Kund*innen-, aber auch Mitarbeiter*innenzufriedenheit. Gleichzeitig ermöglichen wir einer neuen Generation an Schadensbearbeiter*innen einen nahtlosen Einstieg in ihr Berufsfeld – mit neuester Technologie, die sie dabei unterstützt ihre Arbeit von Tag eins an gewissenhaft ausüben zu können, da bereits ein Großteil des Knowledge Transfers ihrer Vorgänger*innen in unsere unterstützende Software stattgefunden hat.

Welche Innovationen beobachtest du derzeit im Bereich KI in Berlin, die für omni:us, aber auch allgemein in Zukunft relevant sein könnten?

Berlin ist definitiv gut aufgestellt und es ist schön zu sehen, dass wir im B2B-Umfeld und der Entwicklung von Expert*innensystemen, die einen klaren Business Case verfolgen, nicht alleine dastehen. Da KI forschungsintensiv ist und ein ganzheitliches Problemverständnis für die Bereitstellung wirtschaftlich erfolgreicher Lösungen voraussetzt, sehe ich in ihr wirklich eine nachhaltig positive Entwicklung für Berlin als europäisch relevanten Technologiestandort: sei es für KI in der Prozessautomatisierung, Business & Health Intelligence, aber auch Mobilität.

Ihr wart in diesem Jahr einer der drei Finalist in der Kategorie KI beim Deep Tech Award. Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für junge Unternehmen und welchen Nutzen ziehst du innerhalb deines eigenen Netzwerks aus ihnen?

Ich finde jede Initiative großartig, die Jungunternehmer*innen und deren Leistungen fördert und einem breiten Publikum zugänglich macht. Das schafft Mut, Motivation und oft auch eine wichtige Akkreditierung nach außen. Berlin hat viel zu bieten, viele mutige und wichtige Projekte – und großen Dank an dieser Stelle auch an die Deep Tech Initiative, die all diese einmal im Jahr auf ein Podest stellt!

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