Daniela Hommel © Curalie

28 November 2022

„Von Berlin aus können wir unsere Vision, Gesundheitsversorgung für jeden zugänglich zu machen, national und international denken.“

Wer krank ist, sollte zum Arzt gehen, das ist klar. Doch muss man dafür tatsächlich immer physisch in eine Praxis gehen? Nicht unbedingt – dank sogenannter Videosprechstunden. Ein Anbieter für solche ist das Berliner Gesundheits-Unternehmen Curalie, mit dessen App nicht nur Arzttermine geführt werden können, sondern die auch weiterführende Gesundheitsprogramme anbietet. An welcher Stelle hier Machine Learning ins Spiel kommt und wie die Idee zu dem ganzheitlichen Konzept entstand, erzählt uns CEO Daniela Hommel.

Liebe Frau Hommel, vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview. Da es gut zu Ihrer Lösung passt: Was tun Sie sich Gutes, wenn Sie merken, dass sich der Winterblues einstellt?

Die beste Medizin ist für mich die Natur. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich draußen. Gerade in der dunklen Jahreszeit zieht es mich am Wochenende schon morgens ins Freie. Beim Laufen oder Mountainbiken steigt die Stimmung automatisch. Den Sonnenaufgang mitzuerleben, vertreibt jeden Winterblues.

Würden Sie sich und Curalie für unsere Leser*innen einmal vorstellen?

Ich bin Diplom-Kauffrau und arbeite seit über zehn Jahren in unterschiedlichen Positionen bei Fresenius. Seit wenigen Wochen bin ich CEO von Curalie, einer Tochter von Fresenius. Das Thema Gesundheit begleitet mich schon seit jeher. In meiner Familie kommen chronische Krankheiten vor, wie in den meisten Familien in Deutschland. Ich habe viel zu dem Thema gelesen und bin davon überzeugt, dass man im Alltag schon mit kleinen Veränderungen einiges dazu beitragen kann, diesen Erkrankungen vorzubeugen oder auch langfristig gesünder mit ihnen zu leben.

Dass ich in meinem Beruf direkt dazu beitragen kann, dass immer mehr Menschen die Möglichkeit haben, Zugang zur Gesundheitsversorgung zu bekommen, ist für mich ein echtes Geschenk. Curalie ist eine App mit vielen präventiven gesundheitsbezogenen Angeboten. Nahezu jeder kann darin, je nach gesundheitlicher Disposition, ein passendes Angebot zur Prävention, aber auch bei akuten Symptomen den schnellen Weg zur Videosprechstunde finden. Dahinter steht ein ganzes Ökosystem mit angeschlossenen Ärzt*innen, digitalen Vorsorge- und Gesundheitsprogrammen sowie Trackingmöglichkeiten von Aktivitäten, Symptomen und Medikamenten. Denn unser Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen. Wir haben eine klare Mission: Schritt für Schritt zu einer besseren Gesundheit. Das hat mich vor vier Jahren, als ich zu Curalie kam, sofort überzeugt.

Curalie umfasst ein breites Angebot aus digitalen Gesundheitsprogrammen und Anwendungen. Woher stammt die Idee zu diesem ganzheitlichen Konzept?

Gesundheitsversorgung funktioniert heute in der Regel punktuell – Menschen werden krank, suchen Hilfe bei einem/einer Ärzt*in, werden behandelt und kümmern sich danach in der Regel wenig um ihre Gesundheit. Erst wenn es eigentlich zu spät ist, rückt das Gesundbleiben wieder in den Mittelpunkt. Das ist im Grunde auch bei chronisch Kranken der Fall, auch sie sind zwischen den Regeluntersuchungen meist auf sich allein gestellt. Da kann es sehr hilfreich sein, im Alltag regelmäßig über einen digitalen Begleiter erinnert und motiviert zu werden. Die meisten Erkrankungen entwickeln sich sehr langsam, deshalb sind wir überzeugt davon, dass eine kontinuierliche medizinische Prävention viele Krankheiten verhindern oder zumindest deren Auswirkungen minimieren könnte. Uns war sehr schnell klar: Man muss dieses Thema ganzheitlich angehen, sonst kann man die erforderliche nachhaltige Unterstützung im Alltag nicht geben! Wir verfolgen diesen Ansatz konsequent, auch wenn für ein Startup Fokussierung vor allem in der Anfangsphase entscheidend ist.

Inzwischen haben wir für die weltweit am häufigsten vorkommenden Krankheiten medizinische Konzepte entwickelt, mit denen Tele-Ärzt*innen Risikofaktoren früh identifizieren und so präventiv den Eintritt von Krankheiten verzögern können, aber auch, um bereits Erkrankten den Zugang zur Versorgung zu erleichtern. Letzteres tun wir, indem wir neben den digitalen Programmen die Buchung von Videosprechstunden zu qualifizierten Ärzt*innen (zukünftig mit Facharztauswahl) anbieten und mit dem Helios-Netzwerk an Kliniken und medizinischen Versorgungszentren auch außerhalb der digitalen Welt für die Menschen da sein können. Die sogenannte „Nutzerjourney“, also der medizinische Behandlungspfad, darf gerade im Gesundheitswesen nicht abreißen. In Bezug auf die Prävention bieten die Features und Programme der App Informationen und Anregungen zu gesundheitsförderlichem Verhalten.

Wie hat sich der Entwicklungsprozess Ihrer App gestaltet? Vor welchen technischen Herausforderungen standen Sie? Welche Learnings sind daraus entstanden?

Gerade unser multimodaler Ansatz und unsere Bestrebungen international zu skalieren haben uns immer wieder vor komplexe Entwicklungsaufgaben gestellt. Ein Beispiel: Nachdem wir unser erstes Gesundheitsprogramm entwickelt hatten, stellte sich die Frage, wie wir eine eineindeutige Patientenidentität garantieren können. Alle Daten, seien es Symptome, Medikamente oder auch Aktivitäten, egal an welcher Stelle der App sie eingegeben wurden, müssen dem User in einem Profil zugeordnet werden. Alle Prozesse innerhalb der App müssen dafür ineinandergreifen. Nur so ist ein ganzheitliches Bild möglich, für die User und die Ärzt*innen gleichermaßen.

Ein anderes Beispiel: Im Rahmen unserer Internationalisierung stellte sich schon sehr früh die Frage, wie wir mit einem möglichst standardisierten Ansatz in den Markt eintreten und schrittweise die gesamte Palette des Curalie-Angebots ausrollen können. Standardisierter Ansatz bedeutet für uns in diesem Zusammenhang nicht die bloße Übertragung unserer Angebote in die neue Sprache. Jedes Land hat seine Besonderheiten – kulturell, medizinisch und gesellschaftlich. Deshalb haben wir für die Lokalisierung einen standardisierten Prozess entwickelt und implementiert. Wir arbeiten mit einem internen Team von professionellen Autor*innen und Prozessmanager*innen, die dafür sorgen, dass die Inhalte zielgenau zugeschnitten werden.

Eine zusätzliche Komplexität entsteht durch die Verbindung der digitalen mit der physischen Welt. Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit haben keinen umfassenden Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung. Mit unserem Kooperationspartner Helios Global Health haben wir aus diesem Grund C4U2BE entwickelt. „Care for you to be“ ist maßgeschneiderte Infrastruktur, die physische und digitale Medizin auf höchstem Niveau verbindet und Medizin flexibel dorthin bringt, wo sie benötigt wird. Als Walk-in-Lösung oder nach einer ersten Videosprechstunde mit einem/einer Online-Ärzt*in können in einem sogenannten CUBE die erforderlichen medizinischen Untersuchungen unter Anleitung von Fachpersonal durchgeführt werden. Vor Ort wird damit Diagnostik wie Radiologie, Ultraschall, Blutdruck- und Augeninnendruckmessung in einer physischen Einheit verfügbar. Die Ergebnisse werden den kooperierenden Ärzt*innen über Curalie sofort zur Verfügung gestellt. So können unter anderem Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes medizinisch überwacht und behandelt werden. Die optimale Verbindung beider Welten.

All diese Themen bringen eine Komplexität mit sich, die unseres Wissens so noch kein anderer im Gesundheitswesen gelöst hat. Wir entwickeln uns mit jedem Schritt weiter und haben eine konsequente Lernkultur implementiert. Wir arbeiten agil, sind flexibel und offen für neue Lösungen. Das zeichnet unser Team und jede*n einzelne*n Mitarbeiter*in unserer Company aus.

Sie arbeiten mit Expert*innen der Branche zusammen, um die medizinischen Anforderungen stets auf dem aktuellsten Stand zu halten. Nutzen Sie KI für die Entwicklung neuer Features? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Machine Learning und Algorithmik nutzen wir, um für unsere Patient*innen zukünftig den jeweils besten Behandlungspfad vorzuschlagen. Unsere Algorithmen werden auf Basis medizinischer Leitlinien entwickelt und werden fortlaufend anhand realer, anonymisierter Daten in der Praxis validiert und verfeinert. Unser Netzwerk an medizinischen Expert*innen ermöglicht es uns, nicht nur die medizinischen Behandlungspfade auf das absolut Essenzielle zu reduzieren und den Ärzt*innen eine sichere Behandlung vorzuschlagen, sondern auch diese Diagnosealgorithmen im Echtbetrieb mit den Ärzt*innen zu optimieren. Über die Zeit werden die Prognosen dadurch immer treffsicherer.

Als Teil des Helios Global Health-Netzwerkes, welches die digitale Gesundheitsversorgung mit ihren Anwendungen revolutioniert, entlasten Sie das Gesundheitswesen enorm. Welchen Nutzen ziehen Sie selbst aus diesem Netzwerk?

Der größte Nutzen für uns als Curalie im Helios Global Health-Netzwerk liegt in der Verfügbarkeit der medizinischen Expert*innen von Helios: zur Entwicklung der Angebote, aber auch als unerlässliche Partner*innen in der Weiterbehandlung (telemedizinisch, diagnostisch und vor Ort). Ein digitaler Behandlungspfad allein genügt aus unserer Sicht gerade im Gesundheitswesen nicht, die Schnittstellen in die reale Welt müssen reibungslos funktionieren. Das können wir im Helios Global Health-Universum sicherstellen. Ein weiterer Vorteil ist der Zugang zu internationalen Märken. Gemeinsam mit Helios Global Health bieten wir Menschen in medizinisch unterversorgten Gebieten „access to care“. Erst vor wenigen Tagen haben wir beispielsweise den Markteintritt in Kenia erfolgreich vollzogen.

Neben Ihrem ganzheitlichen Gesundheitsangebot bilden Sie die Schnittstelle zu Kooperationspartner*innen, Gesundheitseinrichtungen und Ärzt*innen. Wie funktioniert die Integration der jeweiligen Partner*innen im Detail?

Wir haben verschiedene Kooperationsmodelle, die primär darauf zielen, die jeweilige „Nutzerreise“ für unsere oder die Nutzer*innen unserer Partner*innen zu erweitern. Dabei kann die Kooperation von einer bloßen Marketingpartnerschaft bis zu einer direkten Integration reichen. Oberstes Gebot ist dabei immer die Verlässlichkeit der Angebote und die Sicherheit der Nutzerdaten. Wichtig ist auch: Der/die Nutzer*in bestimmt – in Absprache mit einem/einer Ärzt*in, ob er ein Partnerangebot annimmt oder ob er seine Daten weitergibt.

Gesundheitseinrichtungen und Ärzt*innen möchten wir in der Behandlung ihrer Patient*innen unterstützen. Für chronisch Erkrankte bieten unsere Gesundheitsprogramme Informationen und Orientierung, geben alltagsbezogene Tipps und motivieren zu einem gesundheitsgerechten Verhalten. Darüber hinaus liefert Curalie verlässliche Gesundheitsparameter, die der/die Patient*in in der Curalie App sammelt oder über einen Upload zur Verfügung stellt. Über unsere Software für das behandelnde medizinische Personal „Curalie Pro“, sind sämtliche durch die Patient*innen freigegebene Daten einsehbar.

Auf welche Anwendungen oder Branchen möchten Sie zukünftig fokussieren? Wo sehen Sie aktuell Entwicklungspotenzial für Ihre Zukunft?

Wir möchten den Weg „Provide access to care to everyone, everywhere and everytime” gemeinsam mit Helios Global Health weiter gehen, weitere internationale Märkte betreten und medizinische Versorgung möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Unser Ziel ist es, in mindestens zwölf Ländern auf vier Kontinenten in den nächsten Jahren präsent zu sein. Daraus ergibt sich eine Roadmap mit großartigen Herausforderungen und Zielen.

Welches Potenzial sehen Sie als wirtschaftliches Unternehmen am Standort Berlin? Was sind Ihre Zukunftspläne?

Wir haben uns bewusst für Berlin als Sitz der Company entschieden, zum einen wegen der Nähe zu Helios Global Health, aber vor allem aufgrund des innovativen Potenzials der Stadt. Berlin ist Heimat zahlreicher Startups, ein Schmelztiegel innovativer Ideen. Von hier aus können wir unsere Vision, Gesundheitsversorgung für jeden zugänglich zu machen, national und international denken. Die Internationalität und Diversität der Stadt hilft uns, wichtige Aspekte und vor allem Menschen in unser in unserer Vision zu vereinen.

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